Partnerschaft mit dem Gymnasium Samaipata in Bolivien

Was wir selber tun können.
Das Erasmus-Reinhold-Gymnasium hilft Kindern und Jugendlichen in Bolivien

Am 19. September 1996 besuchte eine zehnte Klasse des Erasmus-Reinhold-Gymnasiums mit ihrer Klassenlehrerin Frau Eva Großmann die „Weltumradler“ Axel Brümmer und Peter Glöckner in ihrer Saalfelder Wohnung. Beide waren damals gerade von einer fünfjährigen Radtour zurückgekehrt, deren Weg sie rund um den Globus geführt hatte. Sie berichteten den Schülern von ihren Abenteuern, durchstandenen Stürzen, von Gelbsucht und Malaria und den physischen Kraftanstrengungen, denn oft mussten die zwei wochenlang unwirtliche Gebiete durchqueren, die Weiten Alaskas ebenso wie die Steppen Afrikas und das bei Temperaturen von minus 23 bis plus 53 Grad.

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Frau Großmann besucht mit ihrer Klasse Axel Brümmer in seiner Wohnung

Nach dem Fall der Mauer hatte die aufgestaute Sehnsucht nach Freiheit die beiden in die Welt gerufen, und so machten sie sich im Juni 1990 auf den Weg, andere Länder zu erkunden. Die Schönheit der Landschaft stand jedoch oft im Kontrast mit der bitteren Armut der hier lebenden Menschen. Familien nahmen sie freundlich auf, die kaum so viel Geld hatten, dass sie sich selbst ernähren konnten. Links und rechts der Straße sahen sie auf ihrer Reise viel Armut und Elend in der Welt, doch besonders erschütterte die Radler das Leben der Straßen- und Waisenkinder in Bolivien. Schon damals stellten sich Axel Brümmer und Peter Glöckner die Aufgabe, diesen Kindern nach ihrer Rückkehr zu helfen.

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Unterricht im Abendgymnasium „Florida“

Zu Hause in Saalfeld angekommen, machten sie in ihren Reisevorträgen auf die Lebensumstände der Kinder in Bolivien aufmerksam, einem Land, das zu den ärmsten Staaten  der Welt gehört, doch international kaum Beachtung findet. Besonders gute Freunde hatten Axel Brümmer und Peter Glöckner in Samaipata gefunden. Es handelt sich um eine kleine Ortschaft in 1700 Meter Höhe, bekannt durch „El Fuerte“, eine Ruinenstätte der Inkakultur, die als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt wird. Etwa 50 Kilometer östlich von Samaipata liegt die größte Stadt des Landes Santa Cruz. Hier leben besonders viele „Straßenkinder“. Sie sind dem Hunger, den Drogen und der Kriminalität ausgesetzt. Kaum ein Straßenkind besucht eine Schule oder wird regelmäßig medizinisch versorgt. In vielen Fällen sind es die Kinder selbst, die sich für ein Leben auf der Straße entscheiden, denn nur so können sie der Gewalt und dem Missbrauch in der Familie entgehen. Auch die Armut auf dem Lande führt dazu, dass Familien in die Städte fliehen und dort ohne Obdach leben müssen. Ihre Kinder kennen kein richtiges Zuhause.

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Anke Becker besuchte als erste Schülerin des Reinholdgymnasiums Bolivien

Das soziale Engagement von Brümmer und Glöckner führte dazu, dass noch im Jahre 1996 eine Städtepartnerschaft zwischen Saalfeld und Samaipata vereinbart und im Jahr darauf der Unterstützungsverein „Saalfeld-Samaipata“ gegründet wurde. Er zählt heute mehr als 100 Mitglieder, von denen 50 Prozent Jugendliche sind. Vom Verein organisiert, fliegen fast jedes Jahr interessierte Bürger nach Bolivien, um die geförderten Vorhaben kennenzulernen, um neue Spenden zu übergeben und auch um deren Verwendungszweck zu kontrollieren. Besonders wichtig sind dem Verein die regelmäßig stattfindenden Jugendreisen nach Bolivien. In Santa Cruz wohnen die deutschen Schülerinnen und Schüler eine Zeit lang mit den Straßenkindern im Kinderheim „Mano Amiga“ zusammen und lernen selbst die Lebenssituation ihrer bolivianischen Altersgenossen kennen. Sie teilen deren unbeschreibliche Lebensfreude und erfahren, dass Glück – trotz bitterer Armut – vor allem auch vom inneren Frieden abhängt.

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Karla aus dem Kinderheim „Mano Amiga“. Ihre lachenden Augen zeugen vom Erfolg des Saalfeld-Samaipata e.V.

Am 23. Oktober 1996 besuchten Axel Brümmer und Peter Glöckner das erste Mal das Saalfelder Reinholdgymnasium und seit dieser Zeit besteht für die Schule so etwas wie eine innere Verpflichtung zu helfen. Anke Becker reiste im gleichen Jahr als erste Schülerin des Gymnasiums nach Bolivien. Sie berichtete vom Aufenthalt im Kinderheim „Casa Tutular“, in dem kaum Stühle oder Tische vorhanden waren und viele Fensterscheiben fehlten. Alles sei sehr unhygienisch. Den Kinderheimen hatten damals etwa 1,- DM pro Kind und Tag zur Verfügung gestanden, was oft nicht einmal zur Beschaffung des Essen ausreichte. Durch das Fehlen der medizinischen Versorgung kam es oft zum Ausbruch gefährlicher Krankheiten. In der Babyabteilung mussten sich drei Kinder ein Bett teilen, der Rest krabbelt und schläft auf Matten, die auf dem Fußboden ausgelegt wurden. Freiwillige und Praktikanten aus dem Ausland, die hier ihren Dienst leisteten, versuchten mit Liebe und Fürsorge die fehlende familiäre Geborgenheit zu ersetzen, doch oft waren auch sie in ihrer Arbeit völlig überlastet. „Schwer zu verarbeitende Erlebnisse und tiefe Eindrücke hinterließen auch die anderen Heime, die wir besuchten und die traurigen Einzelschicksale einiger Kinder …“ (Jahrbuch des Erasmus-Reinhold-Gymnasiums 1996/1997). Beim Aufenthalt in Samaipata konnte Anke Becker den Kontakt mit dem Abendgymnasium „Florida“ herstellen. An dieser Abendschule wurden Jugendliche nach ihrer Arbeit ab 19.00 Uhr unterrichtet, zu einer Zeit, in der es in Bolivien schon „stockfinster“ ist. Die Schüler erwerben hier die elementarsten Kenntnisse, die ihnen später helfen können, im Berufsleben voranzukommen. Durch den Enthusiasmus des damaligen Schulleiters Lorgio Morales konnten die Beziehungen mit dem Reinholdgymnasium rasch vertieft werden, so dass schon im folgenden Jahr eine Partnerschaft zwischen beiden Bildungseinrichtungen vereinbart wurde. Bereits die erste Hilfsaktion der Schüler und Lehrer für Samaipata erzielte einen Gesamterlös von 2371,- DM. Diese und weitere Gelder flossen in die Renovierung des Schulgebäudes, in dessen Elektrifizierung und in die Anschaffung von Lern- und Lehrmitteln. Zuvor, so berichtete es die Schülerin Norma Franke, die 1999 mit der dritten Delegation nach Bolivien flog, lernten hier etwa 40 Kinder, denen zusammen nur ein einziges Schulbuch zur Verfügung stand. (Jahrbuch des Erasmus-Reinhold-Gymnasiums 1999/2000)

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Pater Manfred aus Bolivien besucht 1998 das Reinholdgymnasium

Die Unterstützung des Gymnasiums „Florida“ durch das Reinholdgymnasium währt inzwischen 20 Jahre und vieles ist seitdem passiert: Nach einer Bildungsreform in Bolivien wurde das Abendgymnasium im Jahre 2010 in ein vollwertiges Gymnasium umgewandelt, das den Namen „Unidad Educativa Florida“ trägt. Es gab zahlreiche Hilfsaktionen, Briefkontakte entstanden, Fernschach wurde per Internet ausgetragen und auch Gäste aus Samaipata konnten in beiden Schulen begrüßt werden. Immer wieder sind auch Schüler aus Saalfeld vor Ort in Samaipata und übergeben weitere Spenden, mit denen z.B. Computer und PC-Möbel gekauft werden konnten. Jährlich wird zu Weihnachten durch das Gymnasium „Erasmus Reinhold“ ein großes Benefizkonzert ausgerichtet, dessen Erlös dem Gymnasium „Florida“ und dem Kinderheim „Mano Amiga“ zugute kommt. Seit dem 14.12. 2000 konnten allein durch diese Konzerte 20.800,- Euro gespendet werden. Insgesamt spendete der Förderverein des Reinholdgymnasiums über den Verein Saalfeld-Samaipata e.V. eine Summe von 22.317,97 Euro (Stand Oktober 2016). Mit diesem Geld wurden vor allem zahlreiche Bauvorhaben am Gymnasium „Florida“ unterstützt: so die Renovierung der Toiletten, die Ausbesserung der Fassade, das Setzen eines Zaunes um das Schulgebäude (2011), der Bau einer Küche für die Schülerspeisung, die Einrichtung von Waschräumen (2013), eine neue Toilettenanlage und die Gestaltung eines Pausenraumes (2014), außerdem die Aufstockung des Schulgebäudes (2013 bis 2015), durch die vier neue Klassenzimmer geschaffen wurden. Lea Schulz, die 2015 mit einer Jugendgruppe nach Bolivien reiste, berichtet, dass sich in den letzten Jahren sehr viel in Bolivien und speziell auch an unserer Partnerschule in Samaipata getan hat. Trotz einiger Verbesserungen sei es wichtig, die Schule auch weiterhin zu unterstützen, um den Schülern eine gute Bildung zu ermöglichen.

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Nach ihrer Rückkehr aus Bolivien gestaltet Norma Franke eine Ausstellung in der Saalfelder Johanniskirche

Was können wir selber tun, um diese Welt ein Stückchen besser und gerechter werden zu lassen? Fünf Jahre nach der „Wende“ stellten sich Schüler und Lehrer unserer Schule diese Frage. Es war damals eine Zeit, in der der Osten Deutschlands selbst Hilfe und Unterstützung erfahren hatte; die Lebensverhältnisse vieler Menschen begannen sich zu verbessern. Ein Zufall wies uns auf Santa Cruz und Samaipta in Bolivien. Dort ist es bis jetzt in vielen Bereichen noch so geblieben. Theo Weiland, ein Schüler der 12. Klasse, der 2011 nach Bolivien reiste, berichtet, dass die Spenden ungemein wichtig sind, denn noch immer leben in Santa Cruz viele Kinder auf der Straße. „Vor allem aber sind die eigentlichen Probleme noch nicht gelöst worden. So ist es heute besonders wichtig, sich für Frieden und soziale Gerechtigkeit einzusetzen.“ An unserer Schule wollen wir Kinder und Jugendliche für den Gedanken der „Einen Welt“ und des friedlichen Miteinanders von Menschen gewinnen. Schülerinnen und Schüler müssen erfahren, dass die Menschheit in Zukunft nur noch miteinander in Solidarität und wechselseitiger Verantwortung leben kann. Die Samaipata-Hilfe hat dazu beigetragen, dass sich das Saalfelder Gymnasium zu einer anerkannten UNESCO-Projektschulen entwickelt hat. Der Titel ist für unsere Schule Verpflichtung, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

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Lea Schulz 2015: Freundschaften werden geschlossen

September 2016

Dr. Ingo Lokies